Eigenständige Regionalentwicklung

Das Konzept der eigenständigen Regionalentwicklung gehört zu den Raumwirtschaftstheorien und dort in den Bereich der regionalen Wachstums- und Entwicklungstheorien.

Dieses Konzept ist nicht neu. Die Wurzeln liegen in den 1970er Jahren, es wurde damals, aufgrund der enormen Wirtschaftsirritationen, hervorgerufen durch die 1. Ölkrise formuliert. Viele österreichische Forscher waren an der Entwickung dieses Konzeptes beteiligt (Glatz, Scheer, Brugger, Sauberer, Maier, Tödtling, Stöhr et al.)

Es stellt eine Alternative, zu den auf rein quantitativen Wachstumsvorstellungen basierenden neoklassichen Modellen dar. Wachstumstheorien fußen auf der Logik, dass die wirtschaftlich potententen Räume, d.h. die Zentren, im Fokus einer regionalen Entwicklungsstrategie stehen müssen. Diese sollen primär gefördert werden, da man darauf hofft, dass von ihnen Wachstumsimpulse in die Peripherie dringen, und damit auch dort Entwicklung geschieht.

Heute weiss man, dass diese Strategie wenig nachhaltig ist. Die Städte werden immer stärker, und saugen zusätzlich noch Potentiale (Kapital, Arbeit, Wissen, Ideen etc.) aus ländlichen Regionen ab. Umgekehrt halten sich die Effekte, welche von den Zentren in die Peripherie wirken, in Grenzen, sodass ein negativer Nettoeffekt entsteht.

Der schwedische Nobelpreisträger für Ökonomie Gunnar Myrdal (1959) spricht in diesem Zusammenhang von einem sich selbst verstärkenden kumulativen Prozess. Dieser Terminus wird in der Öffentlichkeit als Abwärtsspirale bezeichnet, und betrifft heute weite Teile der europäischen Peripherie.

Eigenständige Regionalentwicklung – Theorie

Derzeit sehen wir eine immer stärkere Einbindung ländlicher Regionen in die Globalisierung. Dies bewirkt, dass dieser Regionstyp nur noch als sogenannte „verlängerte Werkbänke“ für die Zentren angesehen wird. Der Ländliche Raum dient als Reserveraum, d.h. als sogenannter „transition space“ auf Abruf für die Städte. Daher gilt es für diesen Gebietstyp, sich wiederum stärker auf die in der Region gegebenen und schwer imitierbaren Stärken zu besinnen und sich von der Globalisierung selektiv zu entkopplen.

Die Grundhypothese der eigenständigen Regionalentwicklung und daraus abgeleiteter Handlungskonzepte besagt in Anlehnung an Schätzl (2003:155): „… dass die sozioökonomische Entwicklung einer Region vom Ausmaß und der Nutzung der intraregional vorhandenen Potentiale abhängt. Die Überwindung der Unterentwicklung einer Region und der interregionale Disparitätenabbau, sind primär nicht über exogene Wachstumsimpulse, sondern durch die Aktivierung des endogenen Entwicklungspotentials anzustreben“.

Dieses Konzept ist jedoch nicht nur ein Territoriales. Es finden sich ökonomische, ökologische, soziokulturelle und politische Handlungsansätze darin. Dies macht es auch rein quantitativen Modellen überlegen. Das Oberziel einer solchen Strategie ist die Herstellung und Erhaltung gleichwertiger Lebensbedingungen in allen Teilräumen eines Staates (nicht nur in den Zentren), sowie ein Abbau oder zumindest eine Stabilisierung der räumlichen sozioökonomischen Disparitäten zu anderen Regionen. Diese Strategie wird deshalb nicht als Wachstumsstrategie bezeichnet, sondern als Ausgleichsstrategie.

Eine weitere Stärke ist, dass möglichst viele regionale Akteure, wenn möglich die „gesamte“ Bevölkerung, sowie die sozialen und wirtschaftlichen Interessengruppen und öffentliche und private Einrichtungen in regionale Entscheidungen und Problemlösungen einzubinden sind. Dadurch entsteht eine starke Bindung zur Region, und Regionsbewohner beginnen ihre Visionen für die Heimatregion umzusetzen. In Anlehnung an Glatz & Scheer (1981a): „… gilt es das Vertrauen der regionalen Bevölkerung in ihre Fähigkeiten aufzubauen, patriarchalisches, hierarchisches und individualistisches Denken und Handeln zu entschärfen“.

Ziele und Maßnahmen der eigenständigen Regionalentwicklung

Das Konzept der eigenständigen Regionalentwicklung ist auch gut kombinierbar mit neuern Ansätzen wie z.B. dem Konzept der nachhaltigen Regionsentwicklung, dem Gemeinwohlkonzept, Suffizienz- und Subsistenzvorstellungen, einer innovationsorientierten Regionsentwicklung, dem Regions- und Stadtmarketing oder regionalen Resilienzstrategien (Krisenfestigkeitstrategien).

Das Bundeskanzleramt (2011:12 f) et al. schlägt dazu nachfolgende Handlungsweisen für die regionale Ebene (Ländlicher Raum) vor:

– „Gut ausgebildete Regionsbewohner,

– Innovationen,

– Zugang zu moderner Technologie (Internet),

– Netzwerke und eine Kultur des Austausches (moderne Arbeitsformen wie Co-working spaces und Think Tanks),

– Governance Systeme – anstatt Government Systeme,

– Setzen auf Sozialkapital, auf Chancengleichheit und Vertrauen,

– Aufbau einer diversifizierten Wirtschaft,

– Regionale Verantwortung von Unternehmen (Corporate Regional Responsibilitiy) und

– und auf ökologische Nachhaltigkeit“.

„Verwundbarkeit“ von Regionen durch die Globalisierung

Die nachfolgende Abbildung zeigt die Verwundbarbeit von Regionen durch die Globalisierung. Unter Globalisierung wird in diesem Kontext der Austausch von Menschen, Waren, Dienstleistungen, Wissen, zunehmender Wettbewerb sowie die dadurch entstehenden räumlichen Verschiebungen von z.B. Produktionsstandorten etc. verstanden. Vgl. EU-Kommissionen 2008, Regionen 2020. Wie Regionen darauf reagieren (können) legt dieser sogenannte „Verwundbarkeitsindex“ fest.

Es wird deutlich, dass vor allem Regionen im Süden und Osten der EU stärker von den Herausforderungen der Globalisierung betroffen sind. Die EU-Kommission (2008) begründet diese starke Anfälligkeit (Verwundbarkeit), mit dem hohen Anteil von Aktivitäten mit niedrigen Mehrwert und schlecht ausgebildeten Arbeitern.

Eine geringe Verwundbarkeit findet sich in den Staaten in nordwestlicher Lage. Begründet wird dies folgend EU-Kommission (2008): „Diese Regionen befinden sich zumeist in Finnland, Schweden, Dänemark, dem Vereinigten Königreich und Irland. Profitieren dürften sie von Arbeitnehmern mit hohem Ausbildungsstand, einer hohen Beschäftigungsquote, einem großen Anteil von Arbeitnehmern in fortgeschrittenen Branchen sowie einer starken Arbeitsproduktivität“.

Aus diesem Grund wäre es für periphere Regionen von Vorteil, eben auf diese Stärken zu setzen.

 

 

 

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