Die Raumkategorie Ländlicher Raum ist sehr vielseitig. Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Ländliche Regionen, oft auch als periphere Regionen bezeichnet, unterscheiden sich dabei enorm. Diese Unterschiede schlagen sich widerum in den Entwicklungspfaden und Perspektiven der jeweiligen Region nieder. Mögliche Kategorien von ländlichen Gebieten lauten:

  • Periurbane Ländliche Räume,
  • Ländliche Räume im Umfeld überregionaler Verkehrsachsen,
  • Touristisch geprägte Ländliche Räume,
  • Periphere Ländliche Räume in inneralpiner Lage oder
  • Periphere Ländliche Räume entlang der Grenzen zum ehemaligen Eisernen Vorhang
  • etc.

Die Statistik Austria bietet dazu ebenfalls eine aufschlussreiche Grafik.

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Neben der Abstraktion des Ländlichen Raumes als Raumkategorie darf nicht vergessen werden, dass es sich dabei auch um einen Lebens- und Wirtschaftsraum handelt, welcher für die Entwicklung in Österreich, aber auch der EU eine wichtige Bedeutung inne hat.

Die ÖROK schreibt dazu beispielsweise: „Österreich ist sowohl in Bezug auf die Siedlungsstruktur als auch in der wirtschaftlichen Entwicklung ein EU-Mitgliedsland mit einer „ländlichen Charakteristik“. Mit ca. 90 % der Fläche dominiert die Land- und Forstwirtschaft die Flächennutzung des Landes und prägt das Landschaftsbild. Rund 78 % der österreichischen Bevölkerung leben in Regionen, die man im weitesten Sinne als ländlich bezeichnen kann“.

Der Ländliche Raum erfüllt fundamentale Ergänzungsfunktionen für die Städte, sowie für die Gesamtentwicklung einer Volkswirtschafts wie z.B. Österreich. Auch in Italien oder Slowenien ist es nicht anders.

Wissenschaftlich spricht man in diesem Zusammenhang von der „Multifunktionalität Ländlicher Räume“. Diese kann in Anlehnung an Weber beinhalten:

  • Produktions- und Versorgungsfunktion,
  • Wirtschaftskraftfunktion (Schaffung von Arbeit und
  • Einkommen),
  • Bildungs- und Kulturträgerfunktion,
  • Siedlungs- und Wohnfunktion,
  • Sozialleistungsfunktion,
  • Freizeit- und Erholungsfunktion,
  • Entsorgungsfunktion,
  • Stabiliserungsfunktion oder auch
  • Ökologische Funktionen.

Man sieht also, dass es sich dabei um eine nicht zu unterschätzende Leistung handelt. Insgesamt erfüllt der Ländliche Raum, gerade in Krisenzeiten (wie es in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 bereits der Fall war), wichtige gesamtwirtschaftliche Stabilisierungsfunktionen. In diesem Zusammenhang spricht man von regionaler Resilienz vgl. Bundeskanzleramt (2011).

Mittlerweile ist es fast jedem bekannt, dass der Ländliche Raum jedoch in Bedrängnis geraten ist. Viele periphere Regionen müssen sich aktuell Schrumpfungs- und Entleerungsprozessen stellen. Sie sind davon bedroht in eine Abwärtsspirale zu entgleiten und damit nieder zu gehen. Die sozioökonomischen räumlichen Probleme dieses Gebietstyps zeigen sich meist in deutlich unterdurchschnittlichen Wirtschaftskennziffern, in einer wenig attraktiven Wirtschaftsstruktur über alle Sektoren hinweg (Monostrukturierung), in einer hohen Abwanderung, in einem Fehlen von Großbetrieben, in Überalterungstendenzen oder in einem zunehmenden Ausbleiben von Infrastruktur- und Modernisierungsinvestitionen etc. Die Europäische Kommission (2013) sieht weitere zukünftige Herausforderungen für periphere Regionen in Form des Klimawandels: „In the future, rural areas may face additional or increased risks from natural disasters due to climate change— for example, recurrent droughts, storms, floods and fires“.

Neben diesen harten Faktoren der Regionsentwicklung, können auch bereits weiche Faktoren, wie Demotivation und eine sinkende mentale Einstellung der regionalen Bevölkerung zur Entwicklung vor Ort identifiziert werden. Sehr oft sind bereits Aussagen zu hören wie z.B.: „Bei uns gibt es nichts mehr!“, oder „Bei uns geht nichts mehr!“ „Wir sind so peripher!“ etc. Gerade die ortsansässige Bevölkerung, als wesentliche Entwicklungsdeterminante resigniert zunehmend. Die Menschen in peripheren Regionen fühlen sich z.T. im Stich gelassen und benachteiligt gegenüber Zentrumsagglomerationen. Dort finden sich vielseitige Lebensstile und bessere Arbeitsplatz- und Infrastrukturangebote. Während demnach in den Städten eine starke Entwicklung geschieht, baut man Land Infrastruktur zurück. Postämter werden geschlossen, Geschäfte und Schulen.

Diese hier dargestellten Entwicklungsprobleme können enorme Polarisations- und Segregationseffkte auslösen.

Zirkulär verursachter kumulativer Prozess. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Maier & Tödtling & Trippl (2012:49 ff).

Die Ursachen dafür sind vielfältig, d.h. man kann hier nicht eine einzige Ursächlichkeit dafür verantwortlich machen.

Eine zentrale Begründung dieser Entwicklungstendenzen ist darin zu sehen, dass für das Politiksystem (EU-Ebene, aber auch Nationale Ebene) die Städte im Rahmen der Raumentwicklungsstrategie klar im Fokus stehen. Es fehlt an gesamtwirtschaftlichen Wachstum, immer noch induziert durch die verheerende Finanzkrise 2008/09.

Eckey (2008:6) schreibt dazu: „Die öffentlichen Kassen sind leer; umfangreiche Transfers zugunsten zurückgebliebener Wirtschaftsräume stoßen zunehmend an ihre Grenzen“. Weiter schreibt er: „Zweitens steht die gesamte Volkswirtschaft unter erhöhtem Wettbewerbsdruck, dem sie nur standhalten kann, wenn sie Wachstum in Regionen mit komparativen Wettbewerbsvorteilen, also vor allem die innovativen Verdichtungsräume, nicht limitiert, sondern fördert“.

Dem Europäischen Raumentwicklungskonzept EUREK (1999:23) kann ebenfalls dazu auszugsweise entnommen werden: „Die Zukunftsaussichten des ländlichen Umlandes beruhen auf wettbewerbsfähigen Städten“. Vertiefend dazu ist in der Wiener Zeitung online (3.1.2017) dazu ein Artikel vom Städtebund zu finden in dem steht12: „Der Magnetismus, den Städte entwickelt haben, hat auch heuer nicht abgenommen. Im Gegenteil. Weiterhin zieht es viele Menschen in die urbanen Metropolen, und das nicht nur in Österreich. Wobei hierzulande nicht nur Wien wächst, auch Innsbruck, Eisenstadt, Graz und St. Pölten haben im vergangenen Jahrzehnt massiv zugelegt“.

Einige Städte in Österreich und in der EU entwickeln sich deshalb auch nicht mehr nachhaltig. Als Lösung schlägt der Städtebund vor, die Städte noch stärker zu fördern als bisher. Er sagt in diesem Artikel weiter: „Wir wissen aus den EU-Strukturfonds, dass jeder Euro, der in einen zentralen Ort gesteckt wird, auch für das Umland mehr bringt, als wenn ich etwas auf die grüne Wiese stelle. Eine Stärkung der Zentren hilft der gesamten Region“.

Martin Schulz, äußerte sich im Rahmen der US-Wahl 2016 auf dem TV Sender phoenix im Rahmen der Reportage „vor Ort“ am 9.11.2016 (16:40) dazu folgend: „Eine dieser Analysen zum US-Wahlkampf, ähnlich auch dem BREXIT ist, dass die Globalisierung den Effekt der Urbanisierung hat. Die großen Zentren ziehen Wirtschaftskraft und junge Leute an und haben ein heterogenes Gesellschaftsmodell und das breite Land fühlt sich davon abgekoppelt und fühlt sich da nicht mitgenommen. Das Land gegen die Stadt, dass konnten wir schon beim BREXIT sehen. Das Land hat dadurch weniger Investitionen und weniger gut ausbildete Leute. Auch das wurde heute in diesem Wahlkampf sichtbar. Dass sind die Dinge, die wir in der Europäischen Union genauer in Betracht ziehen müssen und da kann man was dagegen machen“.

In einem solchen Szenario werden periphere Regionen als rein verlängerte Werkbank urbaner Räume angesehen und degradieren zu einem sogenannten “transition space“, d.h. zu einem Reserveraum auf Abruf für die Städte.

Um sich diesen Entwicklungstendenzen ein wenig entziehen zu können, bzw. um lokal Disparitäten zu erfolgreicheren Regionen abzubauen gibt es z.B. die Strategie der eigenständigen Regionalentwicklung. Wir berichten darüber in einem eigenen Punkt.

Fazit:

Immer mehr wird ersichtlich, dass sich die Politik den Städten widmet und dies zu einer Benachteiligung ländlicher Regionen führt. Der Ländliche Raum wird sich immer mehr selbst überlassen, was einer passiven Sanierung gleichkommt und das Postulat der gleichwertigen Lebensverhältnisse verletzt. Um Engpässe in der Regionsentwicklung abzubauen, müssten alle Ebenen (Bund, Land, Gemeinde, und EU), wesentlich stärker als bisher zusammenarbeiten und zu dieser Thematik eine neue Diskussion starten.

Zentrum und Peripherie sollten weniger als Gegensatz oder als Konkurrenten verstanden werden, sondern als sich in Anlehnung an die jeweiligen Stärken ergänzend. Es herrschen Interdependenzen zwischen der Entwicklung urbaner und ländlicher Regionen. Erst durch die gemeinsame Betrachtung und Unterstützung von Zentrum und Peripherie ist eine gesamtwirtschaftliche, faire und nachhaltige Entwicklung innerhalb eines Landes möglich.

 

 


Theorie  /  Eigenständige Regionalentwicklung

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