Aus „people follow jobs“, wird „jobs follow people“!

Das regionale Humanpotential ist ein ganz wesentliches Potential gerade im Konzept der eigenständigen Regionalentwicklung, da die Förderung der Fähigkeiten und der Leistungsbereitschaft der Regionsbewohner einen zentralen Stellenwert einnehmen. Es ist die mentale Einstellung der Bevölkerung zur Region, welche die Entwicklung vor Ort maßgeblich hemmen oder stärken kann. Aus diesem Grund stellt das regionale Humanpotential eine wesentliche Entwicklungsdeterminante dar.

Träger des Humanpotentials ist der Mensch selber. In der Fachsprache wird hierfür das englische Wort „embodied“ verwendet. Übersetzen könnte man dies z.B. mit verkörpert oder auch integriert im Sinne von Teil von etwas.

In vielen ländlichen Regionen des Alpen-Adria Raumes mangelt es an harten Faktoren der Regionsentwicklung wie z.B. Großbetriebe. Aus diesem Grund ist die Ressource Mensch, bzw. das im Mensch verkörperte Humanpotential von entscheidender Bedeutung. Positiv dabei ist, dass sich noch eine kritische Masse an Humanpotential in vielen ländlichen Regionen findet.

Negativ dabei ist, dass dieses Potential kontinuierlich durch Abwanderung, Geburtenrückgänge und mangelnder Unterstützung bei der Ansiedelung, bzw. der Rückwanderung geschmälert wird. Gerade die Abwanderung junger und qualifizierter Menschen, bzw. wird hierfür oft der Terminus „Brain-Drain“ verwendet, stellt einen wesentlichen Hemmfaktor dieses Potentials dar. Einer der Auslöser des Brain-Drains ist die regionale Branchenstruktur. Hier möchte ich über die Branchenstruktur im Politischen Bezirk Hermagor diskutieren.

Vor allem der tertiäre Sektor, d.h. der Dienstleistungssektor, spielt dabei eine wesentliche Rolle, da wir uns in einer Informationsgesellschaft befinden. Gabler Wirtschaftslexikon definiert die Informationsgesellschaft als:
„… fortgeschrittenes Entwicklungsstadium von Wirtschaft und Gesellschaft, in dem die Informations- und Kommunikationsdienstleistungen im Vergleich zur industriellen Warenproduktion, aber auch zu den traditionellen Dienstleistungen (v.a. Handel und Verkehr) zentrale Bedeutung gewonnen haben“.

Ausgewählte Branchen in Hermagor

Abbildung 1, Ausgewählte Branchen in Hermagor 2016, in %. Quelle: WIBIS Kärnten, URL: http://wibis.nyx.at/_uploads/_elements/1463655569__1229_file1.pdf

Um an dieser Informationsgesellschaft teilhaben zu können, bedarf es gewisser Vorrausetzungen. Zwei wesentliche Komponenten sind das Vorhandensein der notwendigen Technologie (schnelles Internet), sowie das Wissen um die Anwendung bzw. Verwendung. In ländlichen Regionen fehlen beide Komponenten sehr oft, oder sind zumindest nur mäßig ausgebaut.

Wie die Abbildung zeigt, ist die Region Hermagor im Vergleich zum Durchschnitt von Kärnten und Österreich wenig zukunftsorientiert aufgestellt. Eine absolute Zukunftsbranche, Information und Kommunikation ist stark unterrepräsentiert. Gerade einmal 0,2% der unselbstständig Beschäftigten sind in dieser Branche im Bezirk Hermagor tätig. Dies ist 10x unter dem Kärnten Durchschnitt und über 15x unter dem Österreich Durchschnitt.

Es wundert auch wenig, da viele gut ausgebildete Menschen aus der Region ihre Firmen in dieser Branche auswärts aufbauen, da bei uns keine (fast) Infrastruktur vorhanden ist. Schnelles Internet gibt es nur in den reichen Gemeinden wie z.B. Hermagor. Hier wurde ein Trend verschlafen, der längst vor 10 Jahren hätte starten können.

Ein umgekehrtes Beispiel, ein Erfolgsbeispiel, fand ich in der Neuen Züricher Zeitung Online  vom 28.2.2016 „Das Digi-Tal“.
Dieser Artikel könnte auch eine Vision für den Bezirk Hermagor werden. Dort ist zu lesen:

„Die größte Angst ist die vor der Isolation. Dass die Leute auswandern, weil es Ewigkeiten dauert, über Skype nach Amerika zu telefonieren, dass das Unterengadin zum toten Ort wird, zu einem Museum, einer Art Zoo. Wohin die Leute aus den Städten kurz hochfahren, um die totale Stille zu genießen, von wo sie aber dann auch sehr schnell wieder verschwinden. Das Unterengadin soll zu einem Arbeitsplatz werden, erschlossen über Glasfaser bis in die letzte Ritze. Mit Internet, das so schnell ist, dass jeder Informatiker aus dem Silicon Valley theoretisch hier arbeiten könnte. Dutzende leerstehende Gemeindehäuser, das marode Hochalpine Institut Ftan, Hotels aus der Gegend, sie alle sollen und können zu sogenannten „mountain hubs“ umfunktioniert werden, zu Orten, an denen die Menschen zusammenarbeiten können, obwohl sie sich vielleicht zuvor noch gar nicht gekannt haben.

Auch in Punkto Mobilisierung von Ressourcen (Finanzierung und Kapital) für den Ausbau dieses Vorhabens präsentieren die Schweizer ein innovatives Modell, bzw. ein Public-Private Partnership Konzept. Dem Artikel ist weiter zu entnehmen:

„Große Namen wie Microsoft und Sunrise beteiligen sich am Projekt, der Kanton hat Anschubfinanzierung gegeben, der Bund hat gefördert, mehrere hunderttausend Franken sind vor Beginn des Projekts schon zusammen gekommen“. Insgesamt ein stimmiges und zukunftsweisendes Konzept und auch überaus tauglich für periphere Regionen im Allgemeinen. Im Artikel steht weiter: „Modernes, flexibles, eigenständiges Arbeiten, morgens Yoga-Stunden, abends Schlitteln und Fondue oder Biertrinken im Dorf, ein Arbeitsplatz mit frischer Luft und guter Aussicht, mit Rahmenprogramm und Kantinenessen, dazu ein Einzelbett in einem der zahlreichen leerstehenden Internatszimmer, Lavabo, zwei Handtücher, Duschen auf dem Gang. So arbeitet man heute. Diese Region ist nicht verbaut und zerstört. Das ist ein großer Luxus!”
https://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/unterengadin-das-digi-tal-ld.5814

Binnenwanderung

Alterspezifische Binnenwanderungsbilanz nach regionaler Gliederung 2011 je 1000 Bevölkerung. Quelle: Eigene Zusammenstellung Mag. T.F. Zametter https://www.statistik.at/web_de/statisken/bevoelkerung/demografische_indukatoren/index.htm (Zugriff 07.04.2014)

Neben der Nichtansiedelung und der geringen Neugründung von Informations- und Kommunikationsfirmen im Bezirk Hermagor putty download windows , führt die obige Branchen Struktur auch zu verstärkter Abwanderung.
Die Abbildung zeigt die altersspezifische Abwanderung (Binnenwanderung) nach Bezirken in Kärnten und den Durchschnitt von Kärnten. Die Grafik zeigt, wenn man so will, dass der Bezirk Hermagor beim Brain-Drain an vorderster Stelle liegt. Junge, gut ausgebildete Menschen (Lehre oder Matura) verlassen die Region. Dieser Trend ist auffallend stark ausgeprägt in unserer Region.

Ländliche Regionen, so auch der Bezirk Hermagor, sind oft stark im „klassischen“ Tourismus tätig. Der Bezirk Hermagor rangiert hier überproportional zum Durchschnitt von Kärnten und Österreich (siehe oben). Hier wird zu stark auf diesen Sektor gesetzt und dadurch andere Sektoren vernachlässigt. Während viele junge Menschen in der Region eine Lehre machen oder Maturieren, sucht diese Branche aber eher gering qualifizierte Personen, Anlernkräfte und Saisonarbeitskräfte.
Siehe dazu die Homepage des AMS Hermagor:
https://jobroom.ams.or.at/jobsuche/FreieSuche.jsp
Dort finden sich die aktuell gesuchten Qualifikationen. Mehrheitlich sind es für die anstehende Wintersaison gering qualifizierte Berufsbilder. Diese Tätigkeiten werden zumeist von ausländischen Arbeitern abgedeckt. Hierin besteht der Widerspruch und der Grund dafür, warum viele junge Menschen nicht in dieser Branche tätig sein wollen oder die Region, Mangelns Chancen verlassen.

Es fehlt an Zukunftsbranchen, modernen Branchen sowie an besserer digitaler Infrastruktur. Erst wenn es gelingt, die Tourismusbranche in der Region weiter und flächendeckend zu modernisieren hin zu einer wirklichen Tourismus- und Sportregion, und weitere Branchen wie produktionsnahe Dienste, Kommunikation, Logistik, Forschung, wissensbasierte Dienste, Kreativwirtschaft und Kulturindustrie zu etablieren und gegenseitig zu vernetzen, wird die Abwanderung sinken, bzw. könnte es sogar zu qualifizierter Zuwanderung oder Rückwanderung kommen.

Primär gilt es hierbei zunächst ländliche Regionen flächendeckend mit „schnellem Internet“ auszurüsten. Zukunftsbranchen basieren stark auf dieser Technologie und können sich nur in Regionen ansiedeln und entwickeln, die über eine solche Infrastruktur verfügen. Der Bezirk Hermagor gesamt, fällt hier ceteris paribus, als möglicher Standort durch. Hier wurden bereits viele Jahre verschlafen. Es darf nicht länger der Fehler gemacht werden, dass ländliche Regionen diesen Trend der Technologisierung, welcher in den Städten bereits seit Jahrzehnten etabliert wird, zu unterschätzen. Der Anschluss an moderne, mit dieser Technologie ausgestattete Regionen darf nicht verloren werden. Heutige Regionsentwicklungskonzepte gehen davon aus, dass nicht mehr die Menschen den Arbeitsplätzen folgen, sondern dass dies umgekehrt ist. Aus dem alten Prinzip „people follow jobs“, entsteht die neue Formel „jobs follow people“. Ein Beispiel dafür ist die Mechatronik HTL in Lienz in Osttirol. Sie ist der Auslöser zahlreicher Betriebsansiedelungen im Bezirk; die HTL war bereits vor der Ansiedelung von vielen dortigen Unternehmen da.

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Wirtschaftsgeograph Projektmitarbeiter Öster. Akademie der Wissenschaften Wien 2014-16, Mitlgied der Österr. Geographischen Gesellschaft,

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